zuletzt aktualisiert: 2026
Wolf-Dieter Storl und Stephen Augustine: Rückverbindung von Mensch, Natur und Geist
Im Gespräch mit Rolf Bouman im Friends United International Convention Center treffen zwei außergewöhnliche Wissenswelten aufeinander:
Der Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl und der Mi’kmaq-Häuptling Stephen Augustine. Gemeinsam sprechen sie über Naturverbundenheit, spirituelles Wissen, indigene Perspektiven und darüber, warum die Rückkehr zu unseren Wurzeln für kommende Generationen entscheidend ist.
Die Gesprächspartner
Wolf-Dieter Storl ist Kulturanthropologe, Ethnobotaniker und Autor. Er lebte und arbeitete über viele Jahre in den USA, wo er intensiv mit indigenen Kulturen in Kontakt kam und traditionelles Pflanzen- und Naturwissen studierte. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Forschung mit spiritueller Naturerfahrung.
Stephen Augustine ist ein Mi’kmaq-Häuptling und Associate Vice President für Indigenous Affairs an der Cape Breton University. Er gilt als wichtiger Vermittler indigener Weisheit, Sprache und Kultur und engagiert sich besonders für Bildung und die Weitergabe traditionellen Wissens an kommende Generationen.
Der Mensch ist Natur, nicht ihr Besitzer
Ein zentrales Motiv des Gesprächs:
Der Mensch ist nicht getrennt von der Natur, er ist Natur.
Wolf-Dieter Storl beschreibt, dass selbst in urbanen Räumen Verbindung möglich ist:
durch bewusstes Innehalten, das Beobachten einer Pflanze im Asphalt, das Spüren der Sonne oder das Wahrnehmen kleiner Lebewesen.
Diese bewusste Aufmerksamkeit ist der erste Schritt zurück zur eigenen inneren Natur.
Indigene Perspektive: Lernen aus dem Land selbst
Stephen Augustine betont, dass Wissen im Land selbst verankert ist.
In traditionellen Kulturen wurde Natur nie als „Umwelt“ betrachtet, sie war schlicht Teil des Lebens.
Besonders wichtig ist für ihn die frühe Bildung:
- Kinder sollen Pflanzen selbst anbauen
- außerhalb von Klassenzimmern lernen
- Zyklen des Lebens erleben
So entsteht Respekt, nicht durch Theorie, sondern durch Erfahrung.
Ethnobotanik: Pflanzen als Lehrer
Wolf-Dieter Storl erklärt die ethnobotanische Sichtweise:
Verschiedene Kulturen haben über Jahrtausende gelernt, Pflanzen als Wissensquelle zu verstehen.
Ein faszinierendes Beispiel:
- Chlorophyll (Pflanzenblut)
- menschliches Blut
Beide sind auf molekularer Ebene nahezu identisch, nur ein einziges Atom unterscheidet sie.
Das zeigt, wie eng Mensch und Pflanze tatsächlich verwandt sind.
Körper, Geist und Seele als untrennbare Einheit
Beide Gesprächspartner betonen:
Körper, Geist und Seele sind keine getrennten Systeme.
Stephen Augustine erklärt:
- Der Geist ist nicht nur das Gehirn
- Wissen lebt im ganzen Körper
- das Herz ist zentraler Träger von Entscheidung und Weisheit
Auch Schatten, so erklärt er aus Mi’kmaq-Sicht, tragen spirituelle Bedeutung, sie verbinden uns mit unseren Ahnen.
Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen
Das Gespräch macht deutlich:
Der Schutz von Wasser, Luft, Boden und Pflanzen ist keine politische Frage, sondern eine ethische Verpflichtung.
Wolf-Dieter Storl und Stephen Augustine warnen davor, den Menschen als „Verwalter“ über die Natur zu stellen.
Stattdessen verstehen indigene Kulturen alle Lebewesen als Brüder und Schwestern.
Weisheit bewahren und weitergeben
Beide sehen sich nicht als alleinige Wissenshüter, sondern als Vermittler:
- zwischen Generationen
- zwischen Kulturen
- zwischen Wissenschaft und spirituellem Wissen
Gerade in einer Zeit der Entfremdung braucht es Stimmen, die an alte Zusammenhänge erinnern.
Fazit
Das Gespräch mit Wolf-Dieter Storl und Stephen Augustine ist eine Einladung, den Blick zu weiten: weg von Trennung, hin zu Verbindung.
Es zeigt, dass Antworten auf moderne Krisen oft in sehr altem Wissen liegen. Im Land, in Pflanzen, in Geschichten und im respektvollen Umgang mit Mother Earth.